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Dezember 2021

Die Show-Notes zum Brillengentleman Podcast:

Vorsicht Verwechslungsgefahr: Lesebrille vs. Lesehilfe

Auch wenn beides vom Namen her ziemlich ähnlich klingt, sind sie doch sehr unterschiedlich und haben sehr unterschiedliche Eigenschaften. Welche das sind und warum ein gut gemeinter Tipp eines bestimmten Personenkreises keiner ist, wird Dir in diesem Blog-Artikel verraten.

Lieber Hören statt lesen?

Episode 19 - Brillengentleman Podcast

Vorsicht Verwechslungsgefahr - Lesebrille vs. Lesehilfe

  • Oft werden Lesehilfen fälschlicherweise mit Lesebrillen gleich gesetzt
  • Lesehilfen sind Massenprodukte die durch ihre einfache Herstellung so günstig angeboten werden können
  • Der verwendete Kunststoff für die Fassung und die Gläser hat meistens ungenügende Eigenschaften für den verwendeten Zweck (schlecht an den Kopf anpassbar und schlechte optische Eigenschaften bei den Gläsern)
  • Um sie günstig produzieren zu können werden wichtige Werte eingeschrängt oder ganz weg gelassen
  • Eine Lesehilfe ist ein Notfall-Produkt, für Momente wo die eigentliche Lesebrille nicht nutzbar ist oder sich eine Neue nicht auf die schnelle anfertigen lässt
  • Es ist nicht gut und laut vielen Fachleuten sogar schädlich, eine Lesehilfe dauerhaft als Lesebrillen Ersatz zu nutzen

Angebliche Zwillinge die keine sind

 

Das böse Wort mit „A“

Fangen wir mit einem unangenehmen Wort an, dass die meisten nicht lesen und schön gar nicht hören mögen mögen…. das Alter! Ich weiß, jetzt sagst Du: „Ach Björn, wie kannst Du denn dieses böde Wort hier aussprechen? Aber es ist doch nun mal die Wahrheit und wir sind doch hier unter uns. Es ist doch mein Blogartikel, darum lass uns doch offen über das Alter sprechen bzw. was das Alter für eine Auswirkung auf Deine Augenlinse hat.

Presbyopie – Ein ganz natürlicher Prozess

Die Linse verliert nämlich mit vorschreitendem Alter an Elastizität, weil sie aushärtet und dadurch kann sie sich nicht mehr so gut auf verschiedene Distanzen einstellen. Dies führt wiederum dazu, dass sie an Brechkraft verliert. Dieser Prozess ist völlig natürlich und hängt mit dem Zellalterungsprozess zusammen, das Fachwort hierfür heißt Presbyopie, umgangssprachlich wird es und jetzt kommt das böse Wort nochmal, Alterssichtigkeit genannt

Ich weiß, es ist gemein, dass ich das auch noch einmal so betone. Aber es ist einfach die Wahrheit. Weiterhin gehört zu dieser Wahrheit, dass dieser Vorgang an so gut wie keinem von uns vorbeigeht. Die einen erwischt es vor 40, viele mit 40 Jahren, einige etwas später. Doch rund um diese Zeitspanne, nehmen wir die Folgen dieses biologischen Prozesses war und merken es oft, wenn wir etwas lesen wollen.

Daher stammt wohl auch der Begriff Lesebrille. Wobei die Brille eigentlich eine Nahbrille ist, weil sie Dich bei Tätigkeiten in der Nähe unterstützen soll. Aber vielen fällt einfach der Bedarf an dieser Brille beim Lesen auf und deswegen hat sich der Begriff Lesebrille einfach so eingebürgert. Neben der Lesebrille gibt es auch noch die Lesehilfe. Doch die Lesehilfe ist nicht gleich eine Lesebrille und das muss ich hier in aller Deutlichkeit sagen, denn der Lesehilfe fehlt einiges und was das ist, erkläre ich dir jetzt.

Eine Lesehilfe bekommt man meistens in Drogerien, Discountern und Supermärkten. Dort ist zu einem ausgesprochen günstigen Preis erhältlich. Das liegt daran, dass es ein Massenprodukt ist, welches einfach gefertigt wird und aufgrund seiner einfachen Produktion diesen günstigen Preis haben kann.

Was meine ich mit einfacher Fertigung?

Einfaches Material für Fassung und Gläser

Zum einen sind da die Materialien, die für die Fassung und auch für die Gläser verwendet werden. Der verwendete Kunststoff, der für diese Brillen meistens genutzt wird, ist ein relativ einfacher Kunststoff. Dies führt dazu, dass die daraus gefertigte Fassung schwer an die jeweilige Kopfform anpassbar ist. Bei den Brillengläsern spiegelt sich die Einfachheit des Kunststoffs bei der Güte der möglichen Abbildung wider. Die Bläser bieten nicht die klare und scharfe Sicht, wie Brillengläser von Glasmanufakturen, wie Du sie beim Optiker erhältst.

Grobe Abstufung und gleiche Werte

Ein weiterer Punkt ist, dass es die Lesehilfen meistens nur in 0,5 Dioptrien Abstufungen gibt, das ist schon eine sehr grobe Einteilung. Dies fällt besonders dann auf, wenn ich Dir nun erzähle, dass die meisten Optiker Deine Augen in einer Viertel Dioptrien, also 0,25 oder Achtel Dioptrien 0,12 Dioptrien messen. Sie bestimmen die von Dir benötigten Stärken also in viel feineren Abstufungen. Das hat auch seine Bewandtnis, denn viele Personen nehmen mit ihren Augen tatsächlich Unterschiede von 0,25 bzw. 012 Dioptrien deutlich war.

Mit diesem Wissen zeigt sich deutlich, wie grob die Einteilung der Stärken bei den Lesehilfen ist.

Bezogen auf die Dioptrien Werte gibt es noch eine weitere Auffälligkeit. Denn bei beiden Brillengläsern ist der gleiche Wert eingearbeitet, jedoch hat nur ein geringer Teil der Menschen tatsächlich Augen die den gleichen Wert haben. Die meisten besitzen Augen, die einen unterschiedlichen Wert zur Unterstützung benötigen. Somit sind die in die Lesehilfen eingearbeiteten Stärken, für ein Auge, meistens nicht optimal.

PD 62 – Was bedeutet das?

Wirft man einen Blick auf die Innenseite der Bügel, steht dort bei den meisten Lesehilfen etwas von PD 62. Doch was soll einem diese Inschrift mitteilen? Das PD steht für Pupillen Distanz, das ist die Distanz zwischen Deiner Pupillenmitte auf dem einen Auge und der Pupillenmitte auf dem anderen Auge.

Die PD bei uns Menschen hat eine Bandbreite von 50 und 70 Millimeter, dazwischen liegen wir alle irgendwo. Das ist es schon ein echter Glückstreffer, wenn man die in Lesehilfen genutzte PD von 62 Millimeter trifft. Wie ich mit dem Wort Glückstreffer eben schon verraten habe, ist es nicht oft der Fall, dass dieser standarisierte Wert getroffen wird. Doch für so ein preiswertes Produkt musste man sich nun mal auf einen Wert festlegen und man hat sich für die 62 Millimeter entschieden.

Korrektur der Hornhautverkrümmung?

Ein weiterer wichtiger Wert wird bei Lesehilfen völlig außer Acht gelassen, der Dioptrien Wert um die Hornhautverkrümmung zu korrigieren. Die Hornhautverkrümmung steuert nämlich meisten auch noch eigene Dioptrien Werte bei und diese Werte werden bei den Gläsern von Lesehilfen überhaupt nicht berücksichtigt.

All die genannten Einschränkungen bzw. das nicht berücksichtigen von wichtigen Werten sorgt dafür, dass man diese Lesehilfe einfach günstig produzieren kann und Dir in Drogerien, Discountern und Supermärkten günstig anbieten kann.

Warum gibt es Lesehilfen überhaupt?

Nun könnte es durchaus sein, dass der Gedanke in Dir aufkommt: „Mein Gott, wenn die Lesehilfe so deutliche Einschränkungen hat, warum bietet man mir ein solches Produkt überhaupt an?

Ganz einfach, es ist ein Notfall-Produkt!

Als solches soll es Dir in gewissen Situationen über die Zeit helfen.

Nehmen wir mal an, Du bist in den Urlaub gefahren und stellst an Deinem Urlaubsort fest, dass Du Deine Lesebrille zu Hause auf dem Nachttisch liegen lassen hast. Oder sie ist Dir heruntergefallen und Du bist draufgetreten. Ein echter Brillen Totalschaden, der im Urlaub nicht reparabel ist. Oder Du hast Deine Lesebrille im Urlaub irgendwo in einem Restaurant vergessen und es fällt Dir erst zu spät auf und sie ist weg. Das wäre doch zugegebenermaßen richtig blöd, weil Du ab diesem Zeitpunkt recht eingeschränkt bist, was das lesen und die zu sehenden Dinge in der Nähe angeht. Das lesen von Speisekarten oder Wegeplänen und so weiter, wäre wenn überhaupt nur noch eingeschränkt möglich.

Es muss also etwas her, dass Dir in dieser Situation hilft und da kommt die Lesehilfe ins Spiel.

Denn nun gehst in die Ortsansässige Drogerie oder den Supermarkt und hältst Ausschau nach dem Angebot von Lesehilfen. Da Du Deine Werte Dioptrien Werte (die sphärischen Werte) kennst, oder glücklicher Deinen Brillenpass dabei hast, kannst Du nach einem passenden Model Ausschau halten. Wenn dann das passende verfügbar ist, sagst Du Dir: „Okay, die passt in etwa, die nehme ich mit und sie hilft mir erstmal über die Zeit!“

Dafür ist die Lesehilfe gedacht, als Notlösung!

Um die Zeit zu überbrücken, bis du wieder zu Hause bist und die Möglichkeit erhältst, zu dem Optiker zu gehen und Dir dort wieder eine Lesebrille anfertigen zu lassen. Eine Lesebrille die auf Deine Augen abgestimmt ist, individuell für Dich angepasst wurde und all die vorhin genannten Parameter und Werte berücksichtigt.

Genau für diesen Zweck ist die Lesehilfe gedacht, nicht für mehr und nicht für weniger!

Die Lesehilfe ist keine günstige Alternative zur Lesebrille!

Nun gibt es den einen oder anderen, der sagt sich: „Hey, ich kann mit den Einschränkungen einer Lesehilfe leben, kaufe mir so eine und das ist meine zukünftige Lesebrille. Da stimmt doch das Preis/Leistungsverhältnis.“

Mit dem was ich gerade geschrieben habe, was alles nur halbherzig oder gar nicht berücksichtigt wird, ist das schlichtweg keine gute Idee! Denn dieses günstige Massenprodukt unterstützt Deine Augen nicht optimal. Ganz im Gegenteil, das eine Auge wird mit dem falschen Dioptrien Wert falsch unterstützt und nicht wenige Fachleute sind der Meinung das eine Dauerhafte Nutzung einer Lesehilfe den Augen eher schadet als ihnen zu helfen. Darum überlege Dir gut ob Du dieses Risiko wirklich ein gehen willst, nur um ein paar Euro zu sparen?

Der heiße Tipp – Hoffentlich nur ein Mythos

Kommen wir abschließend nun zu dem heißen Tipp, den ich in der Einleitung angesprochen habe. Diesen heißen Tipp gibt es gerüchteweise immer wieder. Angeblich wird dieser von Augenärztinnen und Augenärzten an ihre Patienten ausgesprochen und lautet wie folgt: „Der Dioptrien Wert ihrer Augen ist so und so, dann gehen Sie jetzt mal in die Drogerie und holen Sie sich eine Lesehilfe. Mit den Werten brauchen Sie nicht zum Optiker gehen und sich eine Lesebrille machen lassen?“

Ich kann mir ja eigentlich gar nicht vorstellen, dass es diesen heißen Tipp gibt. Gerade aus den genannten Punkten, der Einschränkung dieser Lesehilfen. Denn Augenärztinnen und Augenärzten müssten zum einen wissen, dass diese Lesehilfen ihre Patienten nicht optimal unterstützten und dass Lesehilfen deshalb auch nicht für den dauerhaften Gebrauch gut sind.

Also ist dieser angebliche heiße Tipp, eher ein richtig schlechter Mythos!

Der Blick in die Nähe

Unsere Augen bzw. unser Blick verbringt viel Zeit in der Nähe, das ist uns oft gar nicht so bewusst. Gerade jetzt im Herbst und im Winter vertreiben wir uns gerne die Zeit mit den Hobbys in unseren vier Wänden. Bei einem leckeren Tee ganz gemütlich einen dicken Schmöker durcharbeiten oder etwas häkeln, stricken, malen, zeichnen, basteln, es gibt so viele Tätigkeiten, die wir in der Nähe machen.

Gerade bei diesen zeitintensiveren Tätigkeiten in der Nähe, ist eine durch Deinen Optiker perfekt auf die Bedürfnisse Deiner Augen angefertigte Nahbrille wichtig, denn dadurch ist diese Aufgabe weniger anstrengend für Deine Augen und sie ermüden nicht so schnell.

Hier kann keine Lesehilfe mithalten und die für Dich angefertigte Lesebrille ist einfach Gold wert, damit Du in der Nähe richtig gut versorgt bist!

Der Autor:

Björn ist Gründungspartner des Optik-Geschäfts Die Brillenfreunde in Hamburg. Seit 2015 ist der gelernte Fluggerätmachaniker und Industriemeister Luftfahrttechnik, auch ein geprüfter Augenoptikassistent. Als kreativer Kopf des Teams kümmert er sich federführend um die Social Media Footsteps der Brillenfreunde und ist maßgeblich für ihren einzigartigen Look verantwortlich. Seit Juni 2020 ist er zudem als Brillengentleman im gleichnamigen Podcast zu hören.